Wahl – Spezia(h)l im Web 2.0: Schlämmer geht´s nicht

Schlämmer auf dem Wahlplakat

+++ Jeder Fünfte würde Schlämmer wählen. +++ Der Film “Isch kandidiere” ist ein Kassenschlager.  +++  Hasenpower ist bekannter als die Grünen. +++ Die Follower und Gruschelere steigen in die Höhe. +++ Wo soll das nur hinführen? +++

“Weisste Bescheid!”,  “Ich hab Rücken” und “So Freunde”, wenn diese Worte fallen, ist klar worum es geht: Horst Schlämmer, um die HSP, die Hasenpower, Isch kandidiere und den ganzen Kram. Mich hat eine Freundin in den Kinofilm geschleppt. Das ist jetzt ein paar Tage her. Aber ich war zu geschockt, als das ich bisher darüber schreiben konnte. Das Niveau des Films nahm nach spätestens 30 Minuten ein so flaches Niveau an und als der erste Schlagersong gesungen wurde, war das unterste Niveau dann endgültig erreicht. Neben mir hatte ich einen fröhlichen Schenkelklopfer sitzen, der mir den Rest gab. Wenn so viele Leute, die den Film sehen auch wählen gehen, dann wäre die Wahlbeteiligung sicher mehr als berauschend. Immerhin haben den Schlämmer, alias Hape Kerkeling am ersten Wochenende schon 310.000 Besucher gesehen.

Die Kampagne, die der Schlämmer da aus dem Boden gestampft hat, ist in der Tat erstaunlich. Erst gab es nur den Schlämmer, dann “gründete” er quasi virtuell die HSP, es gibt ein Logo, eine eigene Parteifarbe  im schönen Ocker und ein Parteifähnchen. Von der virtuellen Autogrammstunde bis zum iPhone App wurde einfach an alles gedacht. Schlämmer hat es geschafft in relativ kurzer Zeit eine Nation zu begeistern – für die HSP, aber auch für die Politik. Merkel und Steinmeier im TV-Duell wirkten dagegen  mehr wie Statisten. Der Einsatz medialer Mittel des Internets wie Twittern, YouTube-Kanal, Webseiten noch und nöcher fällt bei diesem Wahlkampf sehr hoch aus, aber kaum eine Partei hat so viele Anhänger wie die HSP. Mal zum Vergleich zwei große Social-Network-Portale:

Anzahl der Freunde auf StudiVZ:

  • Horst Schlämmer Partei: 150 386 Leute
  • Piratenpartei: 69 310
  • CDU: 23 999
  • FDP: 23 944
  • SPD: 21 919
  • Grüne: 22 872

Anzahl der Follower auf Twitter:

  • Piratenpartei: 16.747
  • Horst Schlämmer: 8 130 Leute
  • Grüne: 7.779
  • CDU: 4.990
  • FDP: 4.135
  • SPD: 1.382 (+ etliche Kommunale)

Zum guten Ton einer Kampagne gehört natürlich auch ein Facebook-Account, ein YouTube-Kanal, ein Account bei MyVideo und eine Flickr Fotostrecke. Auch ein Fanposter kann man herunterladen und verteilen. Neuigkeiten erfährt man auf dem Blog und wer davon nicht genug kriegen kann, meldet sich gleich ganz bei der HSP an.

Nach dieser Kampagne suchen bei den “echten Wahlen” sicher etliche Menschen auf dem Stimmzettel vergeblich Horst Schlämmer und die HSP, um ihr Kreuzchen dort zu machen. Schade, dass wir wohl nie erfahren werden, wieviele es wirklich sind. Ich rechne mit einer sehr hohen  Dunkelziffer. Nach einer Stern-Umfrage im August, bevor der Film rauskam, war es schon jeder Fünfte, der mit der HSP sympatisierte. Mich interessiert außerdem wahnsinnig, wieviele Menschen einfach HSP auf den Zettel dazuschreiben, damit eine ungültige Stimme abgeben und dies als ihre Wahl sehen. Beide Szenarien werden sich in diesem Wahlkampf sicher häufen. Der Erfolg von Schlämmer zeigt die Politikverdrossenheit der Menschen, die die trockene politische Stimmung zu langweilig finden. Aber ob damit Menschen animiert werden zu wählen, wage ich zu bezweifeln.

Ein wenig erinnert das Ganze an das Buch und den Film die Welle. Es brauchte nur wenige Mittel, um eine ganz Klasse zu begeistern. Schnell glaubten viele an ein formiertes Weltbild. Alle folgten der Welle, ohne genau zu hinterfragen, was denn dahintersteht. Ebenso begeistert Schlämmer die Massen und sie folgen ihm. Horst Schlämmer ist der Guildo Horn der Politikszene und ich weiß nicht, ob ich das Buch “Ich bin dann mal weg” noch zu Ende lesen werde.

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