Elektroauto-Prämie: Augenwischerei auf Staatskosten [Kommentar]

Die Förderung von Elektromobilität ist beschlossene Sache. Bereits im Mai könnte es in Deutschland eine Elektroauto-Prämie geben: 4000 Euro beim Kauf eines Elektroautos, 3000 Euro für Plug-in-Hybride. Das klingt zunächst gut, ist letztendlich aber nur Augenwischerei.

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[Update: 27.4, 15:55 Uhr: wie Chris in den Kommentar anmerkt, gilt die Förderung offenbar nur für Elektroautos deutscher Hersteller: Quelle. Damit würden Renault Zoe und Nissan Leaf beispielsweise wegfallen.]

Bildschirmfoto-2016-04-27-um-15.54.13-772x142 Elektroauto-Prämie: Augenwischerei auf Staatskosten [Kommentar] Elektromobilität

Am Ende hat sich unser Finanzminister nun also doch breitschlagen lassen. Die Kaufprämie für Elektroautos kommt – und geht am eigentlichen Problem völlig vorbei. Um das zu verstehen, muss man sich zunächst einmal vergegenwärtigen, wie teuer derzeit Elektroautos in Deutschland sind:

  • der Renault Zoe hat einen Listenpreis von 23.300 Euro bei halbwegs vernünftiger Ausstattung (Basispreis 21.500 Euro). Dazu kommt eine Batteriemiete von 79 Euro im Monat (48 Monate Laufzeit, 12.500 Kilometer jährliche Laufleistung). Auf fünf Jahre gerechnet liegt der Anschaffungspreis für den Renault Zoe somit zwischen 27.000 und 28.000 Euro.
  • der Nissan Leaf fängt mit Batteriekauf erst bei 29.200 Euro an, mit etwas Ausstattung und einer stärkeren Batterie liegt man bei etwa 36.800 Euro.
  • der BMW i3 liegt in der Grundausstattung gar bei knapp 35.000 Euro. Mit ein paar Haken im Konfigurator knackt man aber auch die 50.000-Euro-Grenze problemlos.

Bei all diesen Autos handelt es sich übrigens um Kleinwagen. Aber nun gut, ziehen wir doch jetzt einfach mal die Elektroauto-Prämie von 4000 Euro von den Anschaffungspreisen ab:

  • Renault Zoe: 24.000 Euro
  • Nissan Leaf: 25.000 Euro (Grundausstattung, kleinste Batterie)
  • BMW i3: 31.000 Euro (Grundausstattung)

Soweit so gut. Aber was für andere Autos würde man aktuell eigentlich für so viel Geld bekommen? Berücksichtigt werden sollte dabei, dass man für „herkömmliche“ Autos beim Händler nie den Listenpreis bezahlt:

  • 24.000 bis 25.000 Euro: VW Polo GTI, einen Golf Variant (Comfortline), einen gut ausgestatteten Skoda Octavia Combi, einen Nissan Qashqai oder zwei Dacia Duster.
  • 31.000 Euro: Golf GTI, VW Passat, VW Touran, Skoda Superb, einen Citroen Grand C4 Picasso (ein riesiges Schiff), zweieinhalb Dacia Duster.

Man könnte die Liste beliebig fortsetzen, aber eigentlich sollte damit schon klar sein, dass die Elektroauto-Prämie nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Diejenigen, die ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein sowie das nötige Kleingeld haben, und ohnehin mit einem Elektroauto geliebäugelt haben, können sich jetzt über das Geschenk vom Staat freuen. Alle anderen werden weiterhin einen Bogen um Elektroautos machen:

  • Menschen, die keine Garage haben (und das sind viele), denn die wenigen öffentlichen Ladesäulen sind eben nicht als Dauerparkplätze konzipiert.
  • Menschen, die tägliche längere Strecken auf der Autobahn zur Arbeit pendeln, denn die Reichweite ist nach wie vor begrenzt.
  • Menschen, die auf’s Geld achten müssen, denn gerade mit Familie kauft man sich für 25.000 Euro eben keinen Kleinwagen sondern doch lieber ein Familienauto.
  • Menschen, die Angst haben, irgendwo liegen zu bleiben, weil es im Umkreis von 20 Kilometern nicht eine einzige öffentliche Ladesäule gibt.

Und bevor jetzt noch jemand ankommt und die Ersparnis durch Elektroautos ins Spiel bringt: der winzige Renault Zoe verbraucht realistisch betrachtet etwa 17 kw/h auf 100 Kilometer. Bei einem Strompreis von 30 Cent sind das 5,10 Euro. Das schafft man mit neueren Diesel-Modellen bei sparsamer Fahrweise problemlos, zumindest beim derzeitigen Dieselpreis. Selbst wenn man einen Benziner fährt, der 8 Euro auf 100 Kilometer kostet, ergibt sich bei einer Gesamtlaufleistung von 60.000 Kilometern (auf 6 Jahre) ein Preisvorteil von lediglich 1800 Euro für den Renault Zoe. Das sind 300 Euro im Jahr und somit auch nicht die Welt. Und die 100 Euro Steuer im Jahr? Das dürfte die meisten auch nicht interessieren, wenn sie dafür statt eines Kleinwagens einen Van oder Kombi fahren können.

Wenn man sich also wirklich zum Ziel setzt, die Elektromobilität in Deutschland voranzutreiben, muss man in erster Instanz für die nötige Infrastruktur sorgen, so dass die Leute ihren Elektroflitzer überall bedenkenlos aufladen können und die Reichweiten-Angst verschwindet. Im nächsten Schritt muss mehr Geld in die Forschung und Entwicklung gesteckt werden, so dass ein Elektroauto bei gleicher Größe nicht mehr 50 Prozent teurer als ein Verbrenner ist. Zudem muss die Reichweite gesteigert werden, da der Großteil der Deutschen immer vor einem Auto mit 200 Kilometern Reichweite zurückschrecken wird. Erst wenn das alles erfüllt ist, kann man mit einer zusätzlichen Prämie eventuell noch Schwung in die Sache bringen. Ansonsten fördert man damit lediglich die obere Mittelschicht, die mit dem Kauf eines Elektroautos ihr ökologisches Gewissen beruhigen möchte.

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Jahrgang 1986. Blogger & Journalist. Politologe & Anglist. Technik & Kaffee.

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