Forscher: Anonymität nicht der Grund für raue Umgangsformen im Netz

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Wenn es um unzivilisierte Diskussionskultur im Internet geht, dann haben die meisten hierfür immer eine Erklärung: Die Anonymität des Nicknamens, hinter dem sich der User versteckt. Er sei maßgeblich ausschlaggebend dafür, welchen Ton der User bei Diskussionen anschlägt. Dass dies nicht die ganze Wahrheit sein kann und hier ein Logikfehler vorliegen muss, wurde an vielen Stellen bereits diskutiert. Jetzt wurde diese Begründung aber auch durch eine Studie widerlegt. Anonymität beziehungsweise Klarnamen-Pflicht ändert nichts an dem Tonfall der User.

Wie wir uns einem User gegenüber verhalten ist nicht davon abhängig, welchen Namen wir benutzen, sondern welche persönliche Beziehung wir zu unserem Gegenüber pflegen. Das klingt nun nach keiner bahnbrechenden Erkenntnis. Aufs Internet übertragen ändert es jedoch sehr die Sichtweise auf die Online-Diskussionskultur.

In einem Experiment erstellte man zwei Gruppen mit sich unbekannten Menschen. Die eine Gruppe durfte sich vorher gegenseitig vorstellen und sagen, was sie in ihrem Leben macht. Danach diskutierten sie über eine Internetplattform miteinander. Die zweite Gruppe diskutierte ohne diese persönliche Vorstellung direkt über eine Plattform. Das Ergebnis zeigte, dass die Personen, die sich vorher bereits kennengelernt haben, umsichtiger miteinander umgingen, als die Menschen, die sich völlig unbekannt waren.

Grund hierfür ist die Abstraktheit des Netzes und das mangelhafte Vorstellungsvermögen des Menschen, dass sich  hinter Texten und Meinungen tatsächlich Menschen befinden. Greifbarer ist es, wenn man diese Menschen einmal gesehen hat, um sich einen ersten Eindruck von ihnen machen zu können.

Was heißt das aber für die User? Es ist völlig egal ob man nun mit einem Klarnamen, den viele Seiten mittlerweile haben wollen, diskutiert, oder ob man mit einem Nicknamen unterwegs ist. Mit einer Klarnamenspflicht ändert sich nicht der Tonfall der User.

Etwas ändert sich allerdings mit der Verwendung von Klarnamen schon: Die Meinungsvielfalt in Diskussionen wird sehr gering. Unbequeme Meinungen werden lieber unter Nicknames veröffentlicht, als unter Klarnamen. Die Angst anzuecken und in der Masse aufzufallen, bringt Menschen unter Klarnamen dazu, eine Meinung zu vertreten, die möglichst Kompatibel mit der Masse ist. Hier sehen Experten die Gefahr, dass unter Klarnamen die Diskussionskultur einschläft, weil niemand mehr gegensätzliche Meinungen vertreten mag.

Da man im Internet nicht verhindern kann, dass sich unbekannte Menschen treffen und dann vielleicht durch eine erhitzte Diskussion die Gruppenstimmung und -dynamik stören, gibt es Software, die Emotionen aus Texten herauslesen kann. In Fällen in denen die Stimmung überkocht, kann sie mittels eines Alarms Admins benachrichtigen, die dann eingreifen, bevor eine Diskussion zu hitzig wird. An ähnliche Programme erinnere ich mich in frühen Chaträumen. Dort wurde teilweise auch angezeigt, mit welchen Emotionen man chattet. Anhand einer Keywordliste wurden hier dann die Nachrichten bewertet.

Ob diese Software die Lösung ist oder nicht, kann man nicht sagen. Vielleicht ändert ich die Diskussionskultur im Netz auch dann, wenn die Leute begriffen haben, dass Accounts für Menschen stehen.

– via Golem | Foto:  Some rights reserved by topgold –
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Hannes Gustav
10 Jahre zuvor

Ja, Klarnamenpflicht ist schon wichtig.
Schliesslich will ich, wenn ich in Foren über die Probleme von Impotenz und die Möglichkeiten der Abhilfe diskutiere, dass die ganze Welt erfährt, dass Hannes Gustav aus Grevenbroich seinen Willi nicht mehr hoch kriegt.

Max
10 Jahre zuvor

Ist doch eh immer alles Annonym, ob mit richtigem Namen oder nicht, trotzdem erklärt das nicht, warum manche Nicks in ihrer Wortwahl so unglaublich ausarten.

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