Ich kaufe mir eine Apple Watch. Warum eigentlich? [Kommentar]

Seit wenigen Minuten kann man im Apple Online Store die neue Apple Watch vorbestellen. Ausgeliefert wird diese dann am 24. April. Oder auch nicht. Das erste Mal seit dem Tod von Steve Jobs bringt Apple damit eine völlig neue Produktkategorie auf den Markt – und noch nie war ich so hin- und hergerissen.

Bildschirmfoto-2015-04-09-um-06.14.59-772x525 Ich kaufe mir eine Apple Watch. Warum eigentlich? [Kommentar] Technologie

Bis zu meinem Studium war ich begeisterter Windows-Nutzer. Zuerst auf dem Desktop, dann auf dem Laptop. Von Apple hatte ich zwar schon gehört, aber “das war halt ein System für Kreative”. “Außerdem gibt es für den Mac halt kaum Software!” sagte man mir. Irgendwann wurde der Windows-Frust dann aber so groß, dass ich beschloss, mich neu zu orientieren. Nach ein paar Monaten mit Linux (sorry, aber das ist nun wirklich nur etwas für Menschen mit gesteigertem Spieltrieb), stand nun also mein erstes (weißes) MacBook vor mir – und ich war begeistert. Sowohl die Hard- als auch die Software überzeugten mich auf ganzer Linie. Der Mac tat, was ein Computer tun muss: funktionieren. Ohne Wenn und Aber. Ohne Bluescreen, ohne ständige Fehlermeldungen, ohne Abstürze, ohne Klickstrecken durch Installationsroutinen.

Zu Gast im Apple-Universum

Seit diesem Tag bin ich Dauergast im Apple-Universum. Ich weiß noch genau, wie ich am 9. November 2007 eine Englisch-Vorlesung ausfallen ließ und zusammen mit drei anderen um 9 Uhr morgens vor dem Telekom-Shop in Heidelberg stand, um das erste iPhone zu kaufen. Ja, es gab Zeiten, in denen noch nicht 1000 Leute vor irgendwelchen Apple-Filialen übernachtet haben.

Als Apple dann das iPad vorgestellt hat, war klar: Das muss ich haben. Nicht anders war es beim ersten MacBook Air und MacBook Pro Retina. Jedes einzelne Gerät und vor allem das Zusammenspiel von iPhone, iPad und Mac untereinander überzeugte mich derart, dass es bei Produkt-Neuvorstellungen nur noch um die Frage nach dem “Wann kann ich vorbestellen?” ging.

Dann kam die Apple Watch – und auf einmal war alles anders.

Wann ist eine Uhr eine Uhr?

Was mich von vielen unterscheidet, die derzeit über die Apple Watch schreiben: ich trage schon seit meiner Kindheit Armbanduhren. Mein Opa war Uhrmacher und dementsprechend hatten wir auch immer zig Uhren zu Hause.

Eine Armbanduhr hat für mich etwas mit Mode zu tun. Sie befindet sich den ganzen Tag sichtbar an meinem Handgelenk, weshalb ich mir beispielsweise auch eher den Arm abhacken würde, als eine Pebble zu tragen. Und das ist jetzt überhaupt nicht böse gemeint: die Pebble ist mit Sicherheit eine tolle Smartwatch, mit tollen Funktionen. Aber sie richtet sich eben genau an die Leute, die sich jetzt über die Preise der Apple Watch aufregen: Menschen, die eigentlich überhaupt keine Armband Uhr tragen, die es teils sogar als lästig empfinden, überhaupt etwas am Handgelenk zu haben und denen das Design völlig egal ist. Hauptsache die Funktionen stimmen.

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Die Apple Watch liegt für mich designtechnisch irgendwo zwischen der Pebble und einer richtigen Armbanduhr – und damit meine ich Automatikuhren ab 3000 € aufwärts, nicht das Spielzeug, das manche fälschlicherweise mit einer Armbanduhr verwechseln.

Begeistert war ich zwar nicht, als ich die Apple Watch das erste Mal gesehen habe, aber besser als das bislang dagewesene, war sie optisch allemal. Ob Apple mit dem Bedienkonzept eine bessere Lösung als die Konkurrenz gefunden hat? Keine Ahnung. Ob ich die gezeigten Funktionen überhaupt nutzen werde? Keine Ahnung. Ob sie als Uhr taugt? Keine Ahnung.

Aber ausprobieren kann man es ja mal – dachte ich, bis die Preise veröffentlicht wurden.

Wie teuer darf eine Smartwatch sein?

Jeder, der sich für Technik begeistert, hat eine persönliche Schmerzgrenze, wenn es darum geht, Geld für etwas auszugeben, das man haben möchte, aber eigentlich gar nicht braucht. Und man braucht keine Apple Watch, man braucht wahrscheinlich überhaupt keine Smartwatch. Ebenso wenig braucht man eine Handtasche für 2000 € oder einen Geldbeutel aus italienischem Leder für 400 €. Ihr wisst, worauf ich hinaus will: “brauchen” ist die völlig falsche Kategorie in diesem Zusammenhang. Es geht vielmehr um “wollen”.

Nach der Präsentation der Apple Watch “wollten” dann auch viele Apple-Fans die erste Smartwatch aus Cupertino kaufen – und hatten dabei den magischen Preis von 349 US-Dollar vor Augen. Ein Preis zu dem viele bereit waren, sich auf ein Experiment mit ungewissem Ausgang einzulassen. Die Apple Watch wäre damit zwar immer noch etwas teurer, als die Konkurrenz, aber das war man ja gewöhnt.

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Allerdings hat die Marketing-Abteilung von Apple das geschickt eingefädelt: bei der Präsentation zeigte man alle Modelle – und nannte nur den Preis für die günstigste Variante. Gleichzeitig führte man den Leuten in beeindruckenden Videos vor Augen, wie viel Arbeit in der Apple Watch – nicht in der Apple Watch Sport – und deren Armbändern steckt. Und plötzlich war Fashion doch ein Thema. Die meisten – auch ich – warfen sofort ein Auge auf die Apple Watch mit Glieder- beziehungsweise Milanaise-Armband. Wenn schon, denn schon.

Alle Träume zerplatzten, als Apple vor einigen Wochen die Preise bekannt gab: 649 Euro für die Apple Watch mit Sport-Armband, 799 Euro für das Lederarmband mit Schleife und mehr als 1000 Euro für das Gliederarmband. Da wurden die Mistgabeln und Fackeln schneller aus dem Keller geholt, als man “Smartwatch” sagen konnte – und das selbst von Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten.

Mir war beispielsweise vollkommen klar, dass ein hochwertiges Gliederarmband locker 500 Euro kostet und ich weiß auch, wie viel Arbeit in einem Lederarmband steckt. Aber in diesem Moment musste ich mir dann schlichtweg eingestehen, dass die Apple Watch für mich eben doch mehr Gadget als Uhr ist. Und für ein Gadget 1249 Euro ausgeben, das technisch nicht mehr kann, als sein Pendant für 449 Euro? Hmm…

So unentschlossen wie noch nie zuvor

Und so fing das Hin und Her an.

Will ich überhaupt eine Apple Watch oder kaufe ich mir lieber noch eine Automatikuhr? Bei einem Fernseher, Telefon und jedem anderen technischen Gerät würde sich die Frage, ob smart oder nicht, für mich nie stellen. Warum also jetzt ausgerechnet bei der Apple Watch anfangen, an Altem festzuhalten und sich Neuem zu verschließen? Ohnehin bin ich davon überzeugt, dass wir in den kommenden Monaten viele spannende Apps für die Apple Watch sehen werden, die unser Leben zumindest teilweise verändern – ganz wie beim ersten iPhone, für das 2007 auch nur drei Leute zusammen mit mir vorm Laden standen.

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Welche Apple Watch soll es werden? Gute Frage. Spontan gefiel mir die Apple Watch mit Gliederarmband in Space Black am besten. 1249 Euro für die Variante, die meiner Meinung nach einer klassischen Armbanduhr am nächsten kommt. Und naja: Yolo! Je mehr ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich allerdings. Immerhin sind das ja fast drei iPads oder ein MacBook Air.

Nach schier unendlichen Diskussionen mit Gilly hatte ich mich gestern schließlich für die Apple Watch Sport entschlossen. Aus zwei Gründen:

  • mir ist noch völlig unklar, für was ich die Apple Watch überhaupt brauche. 1249 Euro für ein Experiment mit offenem Ausgang? Ich weiß nicht…
  • Wird es in schon in einem Jahr die Apple Watch 2 geben? Oder erst in zwei Jahren? Wie viel wird die erste Apple Watch dann noch wert sein? Im Gegensatz zum iPhone und iPad fehlen hier noch die Erfahrungswerte.In diesem Zusammenhang wird übrigens häufig aufgeführt, dass “normale” Armbanduhren wertstabil seien. Das stimmt auch – aber nur bei Modellen ab 5000 Euro aufwärts. Für eine Armbanduhr, die heute 800 Euro kostet, wird man in fünf Jahren nicht mehr Geld bekommen, als für eine Apple Watch. Einziger Unterschied: die Apple Watch ist in fünf Jahren so veraltet, dass man sie überhaupt nicht mehr tragen kann.

Und sonst so? Ich finde Fitness-Tracker praktisch, aber konnte mich bislang noch mit keinem anfreunden. Vor allem in diesem Bereich setzte ich große Hoffnungen auf die Apple Watch. Let’s wait and see. Spätestens Ende April sind wir alle ein bisschen schlauer.

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Jahrgang 1986. Blogger & Journalist. Politologe & Anglist. Technik & Kaffee.

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twitter_m106
7 Jahre zuvor
7 Jahre zuvor

Sehr vernünftig.
Viel Spaß mit diesem “Experiment”! 🙂

6 Jahre zuvor

Na da bin ich mal gespannt was rauskommt.

Tobias
5 Jahre zuvor

Toller und interessanter Artikel.
Kann mich an der ein oder anderen Stelle wiederfinden.
Ich habe mir zum Start damals dann doch eine Apple Watch zugelegt.
Es ging aber dann am Ende irgendwie nur darum eine zu haben….. HABEN WILL 😉
Bisher kann ich nicht klagen und bin super zufrieden damit.

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