Tesla Model 3: der Bilderbuch-Hype [Kommentar]

Elon Musk versteht sein Handwerk. Keine Frage. Und damit meine ich jetzt nicht die Produktion von E-Autos, sondern das Erzeugen von Hypes. Am Wochenende hat mich ein guter Freund gefragt, ob ich mir das Tesla Model 3 reserviert habe. Ich hätte mit einem kurzen „Nein!“ antworten können, bin dann aber doch etwas ausführlicher auf das Thema eingegangen.

Bildschirmfoto-2016-04-04-um-11.18.30-772x481 Tesla Model 3: der Bilderbuch-Hype [Kommentar] Elektromobilität Technologie

Bevor ich gleich zum Tesla Model 3 komme, möchte ich noch eine Sache vorwegschicken: ich bin passionierter Autofahrer, bin im Jahr mehr als 30.000 Kilometer auf Deutschlands Straßen unterwegs und überzeugt davon, dass die Elektromobilität ein sehr wichtiges Thema ist, mit dem wir uns alle beschäftigen sollten.

Die Diskussion läuft derzeit allerdings in eine völlig falsche Richtung: da wird über irgendwelche Kaufprämien gesprochen, die den Preis eines E-Autos mit 180 Kilometern Reichweite von 45.000 Euro auf 40.000 Euro senken sollen. Wohlgemerkt: wir sprechen hier von Autos der Golf-Klasse (oder noch kleiner). Zu dem Preis bekommt man bereits eine C-Klasse oder einen Audi A4. Damit dürfte man der Elektromobilität also schon mal nicht zum Durchbruch verhelfen.

Steuerliche Anreize? Ja, die gibt es. Aber sind wir doch mal ehrlich: Wen interessieren denn bitte 100 oder 200 Euro Steuerersparnis im Jahr, wenn er dafür einen um ein Vielfaches höheren Anschaffungspreis in Kauf nehmen muss?

Der eigentliche Knackpunkt ist aber ein ganz anderer: anstatt irgendwelche Kaufprämien unter die Leute zu bringen, sollte man zunächst in die Infrastruktur investieren. Derzeit ist ein Elektroauto nur eine Option für Menschen, die daheim eine (eigene) Garage haben – und das ist nicht die breite Masse. Außerdem: solange man Angst haben muss, dass man nicht mehr nach Hause kommt, weil am Zielort keine Ladesäule vorhanden (oder vorhanden aber defekt) ist, wird ein Elektroauto für die Mehrheit der Autokäufer ohnehin keine Option sein. Punkt.

Randnotiz: bei den meisten öffentlichen Ladesäulen, die es in Deutschland gibt, bezahlt man nicht für die Strommenge, sondern für die Standzeit. Will heißen: selbst wenn ich eine Ladesäule vor der Haustür habe, kann ich mein Auto dort nicht über Nacht aufladen und stehen lassen.

Tesla Model S: Mythos und Marketing

Auftritt Elon Musk. Tesla lebt in erster Linie von dem Mythos, der die Marke umgibt. Man muss sich nur mal eine Sache vor Augen führen: das Model S wurde 2009 vorgestellt und 2012 auf den Markt gebracht – und ist damit auch auf dem Stand der Technik dieser Zeit. Das interessiert aber niemanden, denn es ist eben ein Tesla, ein Auto, das durch geschicktes Marketing für Fortschritt steht und für die meisten unbezahlbar, ja unerreichbar ist.

Nüchtern betrachtet hat Tesla ganz einfach riesige Akkus in ein riesiges Auto gepackt und bringt es so beim Model S auf eine Reichweite, von denen die Konkurrenz nur träumen kann. Den gigantischen Bildschirm, der vor allem Technikfans in helle Aufregung versetzt, darf man ebenfalls nicht vergessen. Das war es aber auch schon.

Ich hatte das Model S im vergangenen Jahr für einen Tag und war von der Beschleunigung und dem Fahrgefühl begeistert. Wirklich wahr. Auch das riesige Display ist phänomenal. Doch dann habe ich mir kurz ins Gedächtnis gerufen, dass ich hier in einem Auto für über 100.000 Euro sitze – ein 100.000-Euro-Auto dessen Interieur  den Charme eines französischen Kleinwagens besitzt und auch von der Qualität her nicht mal im Ansatz an Audi, BMW oder Mercedes rankommt. Plastik is King, wie in jedem US-Auto. Und was den Fahrkomfort angeht: selbst in meinem 3er-BMW (ohne adaptives Fahrwerk) bin ich auf längeren Strecken deutlich komfortabler unterwegs.

Nein, ich will Tesla und das Model S nicht schlecht reden, ich will lediglich den Hype relativieren. Der Tesla S ist sicherlich ein tolles Auto, aber eben nicht das Wunder auf vier Rädern, als das es gerne dargestellt wird. Wer ein Tesla Model S kauft? Jemand bei dem Geld keine Rolle spielt und der ein Statement setzen möchte. Das Statement dürfte in etwa so lauten: „Ich fahre elektrisch, weil ich es kann, weil es zukunftsorientiert wirkt und weil ich damit sogar einen Porsche abziehen kann!“ – oder was glaubt ihr, warum Tesla das Model S so gerne als Super-Sportwagen positioniert?

Tesla Model 3: Das Spiel mit den Träumen

Bereits vor Monaten hat Tesla sein Spiel mit den Träumen der Menschen begonnen. Das Tesla Model S ist für viele – die ihn noch nicht gefahren sind – nämlich genau das: ein Traum. Und hier kommt jetzt das Tesla Model 3 ins Spiel. Die Leute sprechen seit vergangener Woche interessanterweise nicht von „einem bezahlbaren Elektroauto“ sondern von einem „bezahlbaren Tesla“.

Das ist der eigentliche Witz an der Sache: das Tesla Model 3 wird als 35.000-US-Dollar-Elektroauto vermarktet und dafür gefeiert. Dass das Model 3 in Deutschland dann nach Steuern und mit etwas Ausstattung locker die 40.000-Euro-Marke knacken wird, ist vielen erst einmal egal. Warum? Weil 40.000 Euro eben immer noch weniger als die Hälfte dessen sind, was das Model S kostet. Und dann fährt man immerhin einen Tesla. Darum geht es und um sonst nichts.

Für deutlich weniger als 40.000 Euro bekommt man übrigens bereits heute Elektroautos – zwar sehen die meisten davon aus wie Eimer auf Rädern und haben auch nicht die Reichweite des Tesla Model 3, aber sie sind eben bereits verfügbar.

Apropos Verfügbarkeit: das Tesla Model X wurde 2012 das erste Mal gezeigt. Der Hype begann. Bis heute, also vier Jahre später, kann man das Model X in Deutschland nicht konfigurieren sondern nur reservieren. Nicht anders wird es mit dem Model 3 laufen, was viele derer, die jetzt reserviert haben, noch sehr ärgern wird: angeblich sollen die ersten Modelle irgendwann Ende 2017 ausgeliefert werden. In den USA. Wenn es gut läuft. Kalkuliert man nun noch Verzögerungen ein und berücksichtigt die Tatsache, dass die Fabriken von Tesla bereits mit den aktuell 276.000 Reservierungen überfordert sind,  kann sich die Auslieferung in Deutschland bis Ende 2018 hinauszögern. Und wer zu spät reserviert hat, muss vielleicht bis 2019 oder 2020 warten.

Kann man schon so machen. Muss man aber nicht. Tesla hat derzeit zumindest für meinen Geschmack noch zu viele unbekannte Variablen – und ganz ehrlich: 2019 will ich kein Auto mehr, das 2016 (medial) angesagt war.

Nicht zu vergessen: Eigentlich sollte es ja darum gehen, dass die Elektromobilität endlich Fahrt aufnimmt. Tatsächlich geht es aber nur um eine Marke und ein Auto.

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Jahrgang 1986. Blogger & Journalist. Politologe & Anglist. Technik & Kaffee.

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