Test: Logitech ZeroTouch – zu wenig Nutzen, zu viele Schwächen

Mit der Logitech ZeroTouch kommt eine „intelligente Handyhalterung mit Sprachsteuerung“ auf den Markt, die dem Nutzer für knapp 60 Euro die „besten Eigenschaften eines Connected Cars“ verspricht. In der Theorie klingt das super, in der Praxis konnte ich allerdings keinen wirklichen Mehrwert entdecken – dafür aber viele Schwächen.

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Sowohl meine erste Maus als auch meine erste Tastatur für den PC waren von Logitech. Zudem besaß ich mehrere Webcams und iPad-Keyboards von Logitech – und ich war stets sehr zufrieden damit und von der Qualität überzeugt. Vor einigen Wochen bekam ich dann eine E-Mail. Man wollte mir ein neues, innovatives Produkt vorstellen, bei dem es um das Thema „Connected Car“ ging. Ein Thema, das ich mit Logitech bis zu diesem Zeitpunkt nicht in Verbindung gebracht hatte. Aber nun gut, warum nicht mal etwas Neues ausprobieren.

Ich bekam also die Gelegenheit, mir vorab einen Prototypen der Logitech ZeroTouch-Handyhalterung anzuschauen und mich mit dem Entwickler zu unterhalten. Die Idee, das Autofahren smarter und zugleich sicherer zu machen, begeisterte mich auf Anhieb. An der konkreten Umsetzung muss Logitech allerdings (leider) noch arbeiten, wie das finale Produkt zeigt.

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Logitech ZeroTouch: 60-Euro-Halterung ohne Mehrwert

Ich fahre im Jahr mehr als 35.000 Kilometer mit dem Auto – und beschäftige mich dementsprechend schon recht lange mit der Integration des Smartphones ins Fahrzeug. Ich weiß genau, welche Funktionen für mich wichtig sind, welche Apps ich während der Fahrt brauche und welches Bedienkonzept die beste Kombination aus Komfort und Sicherheit darstellt. Die Erfahrung hat mich dabei vor allem eines gelehrt: Auch wenn BMW, Mercedes und Audi für ihre integrierten Infotainment-Lösungen zum Teil bis zu 4000 Euro aufrufen – sie sind es wert. Günstige „Connected Car“-Lösungen zum Nachrüsten sind auf den ersten Blick zwar ganz nett, aber leider fehlt oft der Mehrwert. Und auch der Bedienkomfort lässt in der Regel zu wünschen übrig. Die Logitech ZeroTouch stellt da leider keine Ausnahme dar.

Die Logitech ZeroTouch krankt vor allem an folgendem Marketing-Versprechen: „Die intelligente Handyhalterung mit Sprachsteuerung für dein Auto bietet dir die besten Eigenschaften eines Connected Cars.“ Dieser Satz weckt riesige Erwartungen. Letztendlich bekommt man dann aber nur eine App. Eine kostenlose App. Um diese kostenlose App zu nutzen braucht man aber einen Zündschlüssel – und diesen Zündschlüssel lässt sich Logitech mit 60 Euro (Halterung für die Lüftung) beziehungsweise 80 Euro (Halterung für die Windschutzscheibe) bezahlen.

Anders ausgedrückt: Man bezahlt zwischen 60 und 80 Euro für eine Halterung, die selbst überhaupt nicht intelligent ist, sondern lediglich der ZeroTouch-App via Bluetooth mitteilt, dass sie „funktionieren darf“. Das ist ein echtes Problem, denn Smartphone-Halterungen mit NFC gibt es bereits für 25 Euro bei Amazon. Wer kurz darüber nachdenkt, dem wird zwar klar, dass Logitech auf diese Weise die Kosten für die Entwicklung der App querfinanziert, aber der normale Endkunde sieht eben nur, dass er für ein Stück Plastik 60 Euro bezahlen soll, um eine App nutzen zu können. Aber was kann die ZeroTouch-App überhaupt?

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Logitech ZeroTouch-App: Vier Jahre zu spät

Anrufe tätigen, Nachrichten schreiben, die Navigation starten oder Musik abspielen – und alles per Sprachbefehl! Vor vier Jahren hätte ich wohl begeisterte Luftsprünge gemacht. Aber heute gibt es „Ok Google“ und Siri, Sprachassistenten, die all das von Haus aus beherrschen, ja die Befehle sogar schneller ausführen.

Die Logitech ZeroTouch-App nutzt den Infrarotsensor des Smartphones, um eine Geste zu erkennen, denn so startet man den Assistenten: Man hält seine Hand eine halbe Sekunde vor das Smartphone. Dann spricht man. Das ist ganz ok, aber einfach nur „Ok Google“ zu sagen, ist eben einfacher.

Nun könnte Logitech ZeroTouch dadurch punkten, dass man die Sprachbefehle auch offline nutzen kann – was beispielsweise bei Siri nicht möglich ist. Leider ist dem aber nicht so, denn Logitech arbeitet bei der ZeroTouch-App mit den Spezialisten von Nuance zusammen. Daraus folgt, dass die Spracherkennung zwar gut funktioniert, aber eben nur, wenn das Smartphone mit dem Internet verbunden ist und der Sprachbefehl in der Cloud verarbeitet werden kann.

Eines muss man Logitech allerdings zugutehalten: alle Befehle werden über die minimalistische Oberfläche der App abgewickelt. Sobald der Befehl ausgeführt wurde, geht das Smartphone dann sofort wieder in den Lockscreen. Auf diese Weise wird die Ablenkung während der Fahrt deutlich reduziert und man wird erst gar nicht dazu verleitet, auf dem Display herumzutippen.

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Zu viele Schwächen in der Praxis

Für meinen Geschmack hat die Logitech ZeroTouch-Halterung noch zu viele Schwächen. Ich nutze im Auto in erster Linie mein iPhone. ZeroTouch unterstützt derzeit aber nur Android. Also habe ich für den Test mein LG V10 verwendet. Da dieses aber über keine glatte Rückseite verfügt, hält der mitgelieferte Magnet nicht. Und ohnehin: Ich will mir wegen einer Autohalterung keinen riesigen Magneten auf die Rückseite meines 500 Euro teuren Smartphones kleben. Zudem startet bei dem LG V10 zwar die ZeroTouch-App, wenn ich das Smartphone an die Halterung andocke, aber der Bildschirm bleibt schwarz. Das ist ein Geräte-spezifischer Bug (bei anderen Android-Smartphones klappt alles tadellos), aber es ist dennoch nervig.

Die Sprachsteuerung selbst funktioniert mit der ZeroTouch-App einwandfrei – zumindest wenn es um grundlegende Dinge, wie das Diktieren einer kurzen Antwort auf eine SMS oder die Navigation mit Google Maps geht. Sobald man auf eine andere Navi-App zugreift, muss man zum Starten der Navigation den Bildschirm berühren.

Im Musik-Bereich stehen nur Spotify sowie Deezer zur Verfügung. Dabei werden manche Songtitel und Playlists erkannt, andere wiederum nicht. Das nervt. Und sind wir doch mal ehrlich: Bevor ich 5 Minuten per Sprachsteuerung vergebens versuche, einen Song zu starten und mich ärgere, dass ich von der App nicht verstanden werde, tippe ich doch lieber kurz den Titel über die Tastatur ein.

Logitech ZeroTouch: zu wenig Nutzen für zu viel Geld

Ich bin der letzte Mensch, der nicht bereit dazu ist, für innovative Produkte Geld auszugeben. Auch viel Geld. Und 60 Euro sind – zumindest im Apple-Universum – wahrlich kein Vermögen. Aber das jeweilige Produkt muss mir dann auch einen entsprechenden Mehrwert bieten. Und der fehlt mir bei der Logitech ZeroTouch-Autohalterung.

Ich nutze normalerweise den Kenu AirFrame+ in Kombination mit dem iPhone 6s Plus – also eine gewöhnliche Autohalterung ohne NFC oder Bluetooth für 20 Euro und ein iPhone mit Siri. Ich kann Apps starten, mir Nachrichten vorlesen lassen, Musik abspielen oder zu einem beliebigen Ziel navigieren. Alles ohne den Bildschirm zu berühren. Siri sei Dank. Wozu also 60 Euro für eine Smartphone-Halterung ausgeben, bei der ich gezwungen bin, einen Magneten auf die Rückseite meines Smartphones zu kleben und deren einzige Funktion es ist, die eigentlich kostenlose ZeroTouch-App zu starten? Eine App, die genau wie Siri nur dann funktioniert, wenn es eine Verbindung zum Internet gibt? Eine App, mit der sich nur eine Handvoll Anwendungen steuern lassen? So kann man beispielsweise nur eine SMS erstellen und verschicken, auf WhatsApp-Nachrichten kann man nur antworten. Das soll verhindern, dass die Leute während der Fahrt in einen WhatsApp-Rausch verfallen. Tatsächlich führt es aber dazu, dass Leute, die während der Fahrt eine WhatsApp-Nachricht verschicken wollen, ZeroTouch eben deaktivieren und WhatsApp öffnen.

Versteht mich nicht falsch: Die Grundidee von Logitech, nämlich den Straßenverkehr sicherer zu machen, ist sehr lobenswert. Unser Smartphone ist inzwischen ein fester Bestandteil unseres Alltags und es müssen Wege gefunden werden, dieses auch ohne Investitionen im vierstelligen Bereich in ältere Autos zu integrieren.

Eine App zu programmieren, die nicht mehr kann, als die kostenlosen Sprachassistenten von Google beziehungsweise Apple, und diese dann zusammen mit einem Stück Plastik, das lediglich als „Zündschlüssel“ dient, für bis zu 80 Euro unter dem Label „Connected Car“ zu verkaufen, ist aber definitiv nicht der richtige Weg.

Veröffentlicht von

Jahrgang 1986. Blogger & Journalist. Politologe & Anglist. Technik & Kaffee.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der springende Punkt ist wahrscheinlich echt, dass die mit der Halterung ein paar Jahre zu spät gekommen sind und jetzt zuviel Geld dafür wollen. Schade mit der Halterung. Aber deine Rezension gefällt mir gut. Vielen Dank dafür.

  2. Eine Darstellung ist sicherlich falsch:
    am Telefon wird kein Magnet befestigt sondern nur eine kleine Metallplatte. Wenn das Smartphone einen abnehmbaren Rückendeckel hat ist diese auch auf der Innenseite zu befestigen.
    Der eigentliche Magnet befindet sich in der Halterung in der ebenfalls eine Elektronik vorhanden ist die für die Bluetoothkommunikation verantwortlich ist.
    Ich besitze die Logitech Halterung nicht aber befestige mein Smartphone ebenfalls über eine magnetische Halterung. Damit ist es ohne Fummelei im Auto zu befestigen und wieder mitzunehmen.

    • Das ist natürlich korrekt, tatsächlich handelt es sich um eine Metallplatte – was aber nichts daran ändert, dass man diese auf die Rückseite kleben muss, was durchaus unschön ist. Und die Smartphones mit abnehmbarer Rückseite gehören inzwischen ja eher zu den Exoten 🙂

  3. Ich habe die Metallplatte auf meine Kunststoffhülle geglebt. In dieser Hülle sitzt das Smartphon fest und ist trotz allem geschützt. Ich nehme es ab und nutze es wie vorher. Verbindung klappt einwandfrei. Den anderen Ausführungen kann ich nur zustimmen. Kaufen würde ich mir dieses Teil für den Preis nicht. Ich habe es zum Testen.

  4. Pingback: Stereopoly Rewind: Eure Highlights in KW20/2016 - STEREOPOLY

  5. Hallo Frank, Glückwunsch zu deiner guten Rezension. 2 Aspekte fehlen aber noch. Seit mehreren Monaten nutze ich die Zero Halterung am Lüftungsgitter und heize dadurch das Smartphone teilweise auf über 60 Grad auf. Ich benutze ein Honor x5, daher ist mir egal ob ich eine Metallplatte auf die Rückseite kleben muß, wenn das Gerät denn wenigstens einen vernünftigen Halt hätte. Das ist aber nicht der Fall, bei jeder Berührung löst es sich vom Magneten. Man sollte die Form des Magneten der Form der Metallplatte anpassen, dann ginge es. Ansonsten habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht die du beschreibst.

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