Veröffentlichen mal anders: Wie Verleger im digitalen Zeitalter umdenken müssen

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Wie schon Zeitungen, müssen sich nun auch klassische Buchverleger der Realität der digitalen Welt stellen. Gerade, weil Apples neuer Tablet-PC in nächster Zeit veröffentlicht werden soll, stehen sie unter enormem Druck, umzudenken.

Von der klassischen Print-Ausgabe in die digitalen Medien zu wechseln, gestaltet sich oft schwieriger als viele denken – und das obwohl zu Beginn meist schon am Computer geschrieben wird. Wie die ersten Erfahrungen mit dem E-Book-Reader Kindle von Amazon gezeigt haben, sind Tablet-PCs keine 1:1-Kopie der klassischen gedruckten Seite, weder gedanklich noch geometrisch.

Es muss also um-, ja sogar weitergedacht werden, weil die klassische Seite auf einem Tablet nicht mehr existiert. Es gibt weder Seitenzahlen noch Seiten zum Umblättern. Der Buch-Inhalt muss sich also den Gepflogenheiten eines Tablets anpassen und sich unter Ausnutzung der technischen Möglichkeiten auf einem Display ansprechend präsentieren können. Wie es schon in den Neunzigern mit der Webseitensprache HTML der Fall war, steht auch bei digitalem Content eine Revolution ins Haus. Autoren müssen sich in Zukunft Gedanken darüber machen, wie der Inhalt sich bei einer Verkleinerung oder Vergrößerung der Schriftgröße präsentiert, wenn der User z. B. die Auflösung seines Displays ändert. Ist der Inhalt auch weiterhin lesbar und auf verschiedene Auflösungsstufen abgestimmt? Diese Fragen stellten sich bisher bei der gedruckten Zeitung nicht, da hier Auflösung und Format vorgegeben sind. Die vom iPhone bekannte Technik des „Anfassens und Auseinanderziehens“ sollte dem Benutzer hilfreich sein und ihn nicht bei der Lektüre stören.

Also müssen Autoren und Verleger ihren Horizont erweitern und berücksichtigen, wie Leser heutzutage mit einem Buch umgehen. Viele Nutzer machen sich – gerade bei wissenschaftlicher Lektüre – Notizen am Rand, heben Passagen durch farbige Markierungen hervor oder versehen Seiten mit Eselsohren, um das gerade nicht griffbereite Lesezeichen zu ersetzen. Bei der digitalen Ausgabe werden die Leser also auf gleichwertigen Ersatz zurückgreifen wollen – doch wie soll dieser Ersatz aussehen?

Das PDF-Dateiformat von Adobe hat solche Features schon seit jeher verinnerlicht. Man kann unter anderem Notizen oder Anmerkungen einfügen und diese dann mit anderen Benutzern teilen. Vor ungefähr zwei Jahren haben diese Möglichkeiten auch Einzug in die Vorschau-Funktion von Apples Betriebssystem Mac OS X gehalten. Für den kommenden Tablet-PC sollten diese Möglichkeiten weiterentwickelt werden, denkt Chuck Toporek, Herausgeber beim renommierten Addison-Wesley-Verlag. „Ein E-Book muss kein starres Ding sein, das im Bücherregal verstaubt. Stellen Sie sich einmal vor, man veröffentlicht gemachte Anmerkungen zu einem Werk im Netz und teilt diese mit jedem, der das gleiche E-Book besitzt. Man könnte die Notizen auch übereinander legen und sehen, welche Stellen für Sie wichtiger sind als für mich.“

Weiter stellt sich Toporek eine soziale Platform wie Facebook vor, die alle verbundenen E-Book-Leser miteinander vernetzt und auf Wunsch interagieren lässt, vorzugsweise bei Titeln technischer Natur. Technisch orientierte Wiki-Artikel und –Bücher sind deshalb nicht so sehr verbreitet, weil Autoren zwar Informationen mit der Welt teilen wollen, aber oft nicht gewillt oder in der Lage sind, alles selbst zu verfassen. Klassische Autoren hingegen geben sich viel Mühe, investieren mehrere hundert Stunden, bevor sie ein Buch veröffentlichen. Die Leser könnten dann die Texte kommentieren und Verbesserungsvorschläge an den Autor senden oder favorisierte Textpassagen hervorheben und so auf einfache Weise Zusammenfassungen erstellen.

Ein Tablet-PC könnte sich so eine Community aufbauen, die ein Thema miteinander vereint, genauso wie sich Gruppen aufgebaut haben, die sich um eine beliebte Webseite drehen. Lesen muss keine Einzelbeschäftigung mehr bleiben, sondern kann auch in der Gemeinschaft stattfinden. Man könnte alle Hervorhebungen und Bemerkungen aller Nutzer zentral auf einem Server speichern und diese dann spontan über den eigentlichen Text einblenden, um zu sehen, wie andere Nutzer denken – und spontan darauf reagieren, egal ob es 2, 20 oder 200 Kommentare sind. Das alles sei mit einem normalen Buch schlicht nicht möglich, so Toporek.

Weiter merkt er an, dass Content für ein E-Book aus mehr bestehen sollte als nur aus Text und Bildern. Man sollte alle Möglichkeiten der neuen Technik ausloten und diese dann auch ausnutzen, um E-Books richtig populär zu machen. Wie bei einer DVD könnten Audio-Clips mit Anmerkungen des Schreibers verwendet werden oder Passagen enthalten, die es schlussendlich nicht in die gedruckte Ausgabe des Werkes geschafft haben. Animationen könnten beschriebene Verfahren verdeutlichen oder Experimente darstellen, so wie es Webseiten bereits tun.

Und wenn man mal ein E-Book braucht, das nicht für das berüchtigte Apple-Tablet optimiert ist? Verleger sollten eine web-optimierte Version anbieten, die sich etablierte Webstandards wie CSS, JavaScript und HTML5 zunutze macht und diese dann für mobile Webbrowser zugänglich machen. Wenn der Tablet-PC sich tatsächlich als E-Book-Reader am Markt positioniert – so wie es Analysten erwarten – dann können wir nur hoffen, dass Apple eine passende Entwicklungsumgebung wie schon für die iPhone-Apps bereitstellt, und den Autoren so unter die Arme greift. Amazon hat vor kurzem bereits angekündigt, ein entsprechendes Kit für den hauseigenen Kindle-Reader (KDK) bereitzustellen.

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[…] wir letzte Woche in einem Artikel schon darüber spekuliert hatten, dass Apples kommender Tablet-PC zum E-Book-Reader aufsteigen […]

5 Jahre zuvor

Ich habe eher ein anderes Problem. Besser gesagt meine Freundin. Sie hat seit etwas geraumer Zeit ein E-Book bzw. Roman veröffentlicht und hat viel positives Feedback erhalten. Nun möchten wir es in physischer Form drucken lassen. Einen offiziellen Verleger haben wir noch nicht und möchten etwas Geld in die Hand nehmen und es selber, mit einer kleineren Stückzahl, übernehmen. Jedoch brauchen wir einen Dienstleister die so etwas für uns unternimmt, sprich: Bücher druckt, bindet und Kleinstfalzungen durchführt.

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